Klinische Neuropsychologie
Diagnostik & Therapie
Die Klinische Neuropsychologie beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen Gehirn und Verhalten. Sie untersucht und behandelt kognitive, emotionale und Verhaltensveränderungen, die durch Erkrankungen oder Verletzungen des Gehirns entstehen.
Typische Ursachen sind z. B.:
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Hirnverletzungen (z.B. Gehirnerschütterung, Schädel-Hirn-Trauma durch einen Unfall)
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Hirnblutungen / hämorrhagischer Schlaganfall (z.B. bei geplatztem Aneurysma oder geschädigter Arterie, Vene)
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Hirninfarkt / ischämischer Schlaganfall durch unzureichende Blutversorgung (z.B. durch starken Blutverlust oder durch Thrombosen)
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Hypoxische Hirnschädigung durch unzureichende Sauerstoffzufuhr (z.B. durch einen Kreislaufstilltand / Herzstillstand)
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Tumoren des Gehirns und seiner Hirnhäute
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Gehirnoperationen
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Entzündliche oder infektiöse Erkrankungen des Gehirns und seiner Hirnhäute (Meningitis, Enzephalitis)
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Autoimmunerkrankungen (z.B. Multiple Sklerose)
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Demenzerkrankungen (z.B. Alzheimer-Demenz, Vaskuläre Demenz, Frontotemporale-Demenz, Lewy-Körperchen-Demenz, Mild Cognitive Impairment)
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Epilepsien
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Morbus Parkinson
Was passiert beim Klinischen Neuropsychologen in der Praxis?
Sie erwartet ein Psychologischer Psychotherapeut mit Weiterbildung in Klinischer Neuropsychologie (z. B. zertifiziert durch die Gesellschaft für Neuropsychologie).
In einer ambulanten Praxis für Klinische Neuropsychologie findet neuropsychologische Diagnostik, Beratung und Therapie ohne stationären Krankenhausaufenthalt statt. Patienten kommen zu Terminen in die Praxis, dort wird diagnostiziert und trainiert und gehen danach wieder nach Hause.
1. Neuropsychologische Diagnostik
Umfangreiche Tests prüfen z. B.:
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Orientierung
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Aufmerksamkeit
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Lernen und Gedächtnis
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Sprache und Sprechen
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Planung und Problemlösen (exekutive Funktionen)
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Zerebrales Sehleistungen
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Räumliche Wahrnehmung
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Apraxien
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Emotional-affektive und emotional-kognitive Funktionen
Ziel: Feststellen, welche kognitiven Funktionen beeinträchtigt sind.
2. Neuropsychologische Therapie / Rehabilitation
Gezieltes Training und Strategien, um Funktionen zu verbessern oder zu kompensieren, z. B.:
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Gedächtnistraining
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Aufmerksamkeitstraining
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Training der räumlichen Wahrnehmung
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Visuelles Training (u.a. Explorationstraining)
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Strategien für Alltag und Beruf
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Umgang mit Fatigue oder emotionalen Veränderungen
3. Beratung
Für Patienten und Angehörige:
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Krankheitsverständnis
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Alltagsbewältigung
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berufliche Wiedereingliederung
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Umgang mit kognitiven Einschränkungen
Eine Praxis für Klinische Neuropsychologie bietet typischerweise drei Hauptbereiche
Der erste Termin beim Klinischen Neuropsychologen
Vor dem ersten Termin
Die Feststellung der Indikation zur neuropsychologischen Therapie erfordert zunächst einen Besuch bei einem Facharzt, der eine somatische Abklärung durchführt. Das bedeutet der Facharzt (Neurologen, Nervenarzt oder Psychiater) muss das Vorliegen einer erworbenen Hirnschädigung oder Hirnerkrankung bescheinigen. In der Regel erfolgt dies im Rahmen der fachärztlichen Erstversorgung. Die Feststellung eines neurologischen Schadens (neurologische ICD-10 Diagnose) im Entlassungsbrief reicht ebenfalls aus.
Während des ersten Termins
Der erste Termin in einer ambulanten neuropsychologischen Praxis ist in der Regel eine umfangreiche Erstdiagnostik bzw. Anamnese. Ziel ist es, ein möglichst genaues Bild von Gehirnfunktion, Beschwerden und Alltagsbeeinträchtigungen zu bekommen. Der Termin dauert häufig 60–120 Minuten, manchmal wird er auf mehrere Sitzungen verteilt und in manchen Fällen ist das Beisein von Angehörigen hilfreich.
Der typische Ablauf des ersten Termins
1. Begrüßung und organisatorische Punkte (5–10 Minuten)
Am Anfang werden einige formale Dinge geklärt:
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Liegt eine Überweisung oder Verordnung vom Facharzt mit einer neurologischen ICD-10-Diagnose vor
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Einwilligung zur neuropsychologischen Diagnostik
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Datenschutz und Ablauf der neuropsychologischen Untersuchung
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kurze Erklärung, was Klinische Neuropsychologie macht
Die Klinische Neuropsychologe erklärt außerdem, welches Ziel die Untersuchung hat (z. B. Ursachen von Gedächtnisproblemen verstehen).
2. Ausführliche Anamnese (20–40 Minuten)
Hier findet ein strukturiertes Gespräch über die Krankengeschichte statt.
Typische Fragen betreffen:
Medizinische Vorgeschichte
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neurologische Erkrankungen wie z.B. Schädel-Hirn-Trauma, Schlaganfall
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andere Erkrankungen wie z.B. Herzinfarkt
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Operationen oder Krankenhausaufenthalte
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aktuelle Medikamente
Aktuelle Beschwerden
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Gedächtnisproblemen
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Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen
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Wortfindungsproblemen
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mentaler Erschöpfung (Fatigue)
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emotionalen Veränderungen
Alltag und Beruf
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Arbeit oder Studium
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Selbstständigkeit im Alltag, Organisation und Aktivitäten des täglichen Lebens
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soziale Situation
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Belastungen
Oft werden auch Angehörige einbezogen, weil sie Veränderungen manchmal anders wahrnehmen.
3. Erste kognitive Testung (30–60 Minuten)
Danach folgen standardisierte neuropsychologische Tests.
Getestet werden typischerweise:
Aufmerksamkeit
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Reaktionsgeschwindigkeit
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Konzentrationsfähigkeit
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Geteilte Aufmerksamkeitsleistung
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Kognitive Umstellfähigkeit
Lernen und Gedächtnis
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Wortlisten oder Bilderabfolgen lernen und merken
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Geschichten und Bilder erinnern
Sprache und Sprechen
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Benennen von Gegenständen
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Wortflüssigkeit
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Sprachverständnis
Exekutive Funktionen
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Planen
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Problemlösen
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mentale Flexibilität
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Zurückhaltefähigkeit
4. Fragebögen zu Stimmung und Alltag (10–15 Minuten)
Zusätzlich werden häufig Fragebögen ausgefüllt zu:
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Stimmung und Depression
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Angst
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Fatigue
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Alltagsfunktion
Das ist wichtig, weil psychische Faktoren kognitive Leistungen stark beeinflussen können.
5. Erste Rückmeldung und Planung
Am Ende erklärt der Neuropsychologe meist:
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wie die Testung weitergeht
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ob weitere Diagnostik nötig ist
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ob eine neuropsychologische Therapie sinnvoll ist
Wenn eine Indikation für eine neuropsychologische Behandlung durch den Klinischen Neuropsychologen in der ambulanten Praxis für Klinische Neuropsychologie gestellt wurde, können weitere Termine für (ggf. die weiterführende Diagnostik) den Beginn der neuropsychologischen Therapie vereinbart werden.
Eine typische neuropsychologische Therapiesitzung ist strukturiert und dauert meist 50–60 Minuten. Der genaue Ablauf hängt davon ab, ob es sich um Diagnostik (Testung) oder Therapie (Training/Rehabilitation) handelt.
1. Kurzes Gespräch am Anfang (5–10 Minuten)
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Wie es seit der letzten Sitzung ging
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Veränderungen im Alltag (z. B. Gedächtnis, Konzentration, Stimmung)
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Schwierigkeiten bei Übungen oder Strategien
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aktuelle Belastungen
Das hilft dem Neuropsychologen einzuschätzen, welche kognitiven Funktionen aktuell besonders betroffen sind.
2. Neuropsychologische Übungen oder Tests (30–40 Minuten)
Der Hauptteil besteht aus gezielten kognitiven Aufgaben. Diese können auf Papier, am Computer oder mündlich stattfinden.
Beispiele für Übungen:
Aufmerksamkeitstraining
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Reaktionsaufgaben am Computer
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Zahlen- oder Symbolsuche
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Doppelaufgaben (z. B. hören, sehen und gleichzeitig reagieren)
Gedächtnistraining
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Wortlisten oder Bilder merken und wiedergeben
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Geschichten nacherzählen, Figuren ohne Vorlage nachzeichnen
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Strategien zum besseren Erinnern lernen
Exekutive Funktionen
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Organisations- und Planungsaufgaben
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Problemlösen
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flexible Strategiewechsel
Alltagsnahe Aufgaben
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Termine planen
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Einkaufslisten merken
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Umgang mit Ablenkung trainieren
3. Strategien für den Alltag (10–15 Minuten)
Ein wichtiger Teil ist nicht nur Training und Wiederherstellung, sondern auch Kompensation.
Beispiele:
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Nutzung von Hilfsmitteln (Kalender, Apps)
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Anwendung von Gedächtnisstrategien (Chunking, Visualisierung)
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Einführung von Pausenmanagement bei mentaler Erschöpfung
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Umgang mit Reizüberflutung einüben
4. Abschluss und Hausaufgaben (5 Minuten)
Am Ende der Sitzung:
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kurze Rückmeldung zur Leistung
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Besprechen von Fortschritten
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kleine Übungen für zuhause
Ziel ist immer Wiederherstellung, Verbesserung oder Kompensation von kognitiven Funktionen, damit Patienten ihren privaten und beruflichen Alltag wieder möglichst selbstständig bewältigen können.
Start und Ablauf der neuropsychologischen Therapie
Dauer der neuropsychologischen Therapie
Die Anzahl der Termine in einer ambulanten neuropsychologischen Therapie ist nicht für alle Patienten gleich. Sie richtet sich nach Diagnose, Schwere und Verlauf der kognitiven Störungen und Therapieziel. In Deutschland gibt es aber typische Rahmenwerte.
Meist umfasst eine ambulante Therapie:
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jeweils 50–60 Minuten pro Termin
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meist 1–2 Termine pro Woche
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20- 60 Termine insgesamt
Die Behandlung kann sich dadurch über 3 bis 12 Monate erstrecken.
In Deutschland kann ambulante neuropsychologische Therapie von den Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und Privaten Krankenkassen (PKV) sowie von den Berufsgenossenschaften (BG) und Unfallkassen (UK) übernommen werden, wenn sie ärztlich verordnet wird und bestimmte Kriterien erfüllt sind.
Darüber hinaus ist es möglich die Behandlungskosten als Selbstzahler zu tragen.